Ex-Kanzler Willy Brandt würde sich heute für die Grünen entscheiden - da ist sich Daniel Köbler, Grüner Spitzenkandidat für den rheinland-pfälzischen Landtag, sicher. Auf dem politischen Aschermittwoch im Mainzer Kulturclub Schon Schön ergriff der charismatische 30-Jährige zuerst das Wort, und arbeitete in seiner Kampfesrede die großen Themen der Partei ab: Bündnis 90/Die Grünen seien “das Original” in Sachen Bildung, Energie und Nachhaltigkeit, “bunt und gerecht” sei die Grüne Zukunft und man müsse, ganz im Sinne des Altbundeskanzlers, “mehr Demokratie wagen”. Außerdem gelte es, die Kraft der Sonne zu tanken, statt weiterhin dem “Atomhochrisikomonopol” Folge zu leisten.

Damit lieferte der Redner Köbler nichts Neues. Seine Argumente waren überzeugend, dennoch sprang der Funke nicht so recht rüber – vielleicht klangen seine Worte zu geschliffen, zu sehr nach Werbeprospekt? Dennoch schaffte er es, natürlich nicht ohne einige deutliche Hinweise auf das Versagen der SPD-Regierung (“Schluss mit den Rheinland-Pfalz-Airlines!”), seiner Parteifreundin Claudia Roth einen angenehmen Stimmungsteppich zu bereiten.
Gute 90 Minuten dauerte die anschließende Brandrede der Grünen-Vorsitzenden, die von Minute zu Minute leidenschaftlicher wurde. Sie stieg mit dem Konsens-Thema Mainz05 und dessen Tabellenplatz “vor den Bayern” ein, und hatte damit das Publikum sofort auf ihrer Seite. Schnell ging sie dann zum Angriff auf den politischen Gegner über: Desaströs bzw. gar nicht vorhanden sei die Frauen- und Familienpolitik der “prä-historischen Anti-Frauen-Ministerin” Kristina Schröder. Diese habe bisher lediglich sinnfreie Beiträge zur Feminismus-Debatte hervorgebracht, anstatt etwas gegen die “eklatant geringere Bezahlung von Frauen” zu tun. Die weibliche Benachteiligung im Berufsleben sei einer der größten sozialen Missstände im Land, so Roth weiter. Dieser werde nur noch durch das schwarz-gelbe Nein zum gesetzlichen Mindestlohn getoppt; Geringverdiener und Hartz IV-Bezieher würden von der Regierung geradezu verhöhnt.
Einen “totalen Wertekollaps” attestierte Roth den Unionsparteien, die ihren Wahlkampf auf den Schultern von Migranten austrügen. Es seien keinesfalls die Einwanderer, die ein Integrationsproblem haben, sondern allenfalls die Unionspolitiker selbst: Sie sind nach Ansicht der Bundesvorsitzenden nicht integriert in die Gesellschaft des Jahres 2011.
Die Bundesvorsitzende lieferte in ihrer Rede einen wahrhaften Rundumschlag: Sie rauschte von landes- und bundespolitischen Streitfragen nahtlos weiter zur Außenpolitik (Flugverbotszone über Libyen? Roth ist dagegen), und vergaß neben dem üblichen Beck-Bashing auch nicht, die Themenfelder Umwelt- und Klimafreundlichkeit ausgiebig abzuhandeln (Gentechnik? Die Hybris, mit der sich der Mensch die Natur zu eigen macht, sei kaum auszuhalten!).
Die gebürtige Bayerin Claudia Roth hat die Fastnachtstage (mit kleinen Ausnahmen) komplett in Mainz verbracht – und an den hiesigen Gepflogenheiten sichtlich Freude gefunden. Das dreifache “Helau” ging ihr beim anschließenden Auftritt der “Drecksäck” ebenso leicht von den Lippen wie “Wolle mer se reinlasse?”. Ohne mit der Wimper zu zucken, setzte sich die Roth einen Ring Fleischwoscht auf den Kopf, ließ sich einen riesigen Fastnachtsorden umhängen und lachte sich kaputt, als ihre Frisur von den Drecksäck auf die Schippe genommen wurde (“Pumukl, darf ich dein Meister Eder sein?”).
Keine Frage, Claudia Roth weiß um die Kunst der Inszenierung. Sie trug durch ihre starke Präsenz und ihre leidenschaftliche Rhetorik maßgeblich zum Gelingen des kurzweiligen Abends bei. Fast drei Stunden waren Stefan und ich heute bei den Grünen im Schon Schön und fühlten uns gut unterhalten.